Warum das Vorurteil „Die wollen nicht arbeiten“ nicht zutrifft
Einordnung und Zielsetzung
In Diskussionen rund um Sozialhilfe, Arbeitslosigkeit oder Integrationsprogramme taucht ein Vorurteil immer wieder auf: Menschen in der Arbeitsintegration wollten nicht arbeiten. Dieses Bild ist eingängig – aber es ist falsch.
Die tägliche Praxis zeigt ein anderes Bild: Die meisten zugewiesenen Personen wollen arbeiten, scheitern jedoch an einer Vielzahl von Hürden, die oft nicht sichtbar sind und selten isoliert auftreten.
Dieser Bericht ordnet diese Realität ein. Er verzichtet bewusst auf exakte Kennzahlen und Rankings, da solche in der Arbeitsintegration weder einheitlich erhoben noch kantonal vergleichbar sind. Stattdessen basiert der Text auf Erfahrungswissen aus Integrationsprogrammen in der Schweiz. Die beschriebenen Problemlagen treten je nach Kanton, Zuweisungssystem und Zielgruppe in unterschiedlicher Ausprägung auf.
Motivation ist selten das Problem
Arbeitsmotivation ist in der Regel vorhanden. Viele Teilnehmende äussern explizit den Wunsch nach:
- finanzieller Unabhängigkeit,
- gesellschaftlicher Teilhabe,
- Anerkennung durch Arbeit,
- einer verlässlichen Tagesstruktur.
Was häufig fehlt, sind stabile Voraussetzungen, um diesen Wunsch tatsächlich umsetzen zu können. Der Eindruck von Passivität oder Widerstand entsteht meist dort, wo Überforderung, Erschöpfung oder wiederholtes Scheitern dominieren.
Die Realität hinter den Zuweisungen
Zugewiesene Personen bringen selten nur ein einzelnes Thema mit. Viel häufiger handelt es sich um komplexe Lebenslagen, in denen sich mehrere Faktoren gegenseitig verstärken.
Ein zentraler Punkt ist die Qualifikation. Viele Menschen verfügen über keinen anerkannten Berufsabschluss oder über Ausbildungen, die im Schweizer Arbeitsmarkt kaum verwertbar sind. Hinzu kommen lange Erwerbsunterbrüche, abgebrochene Lehren oder berufliche Biografien, die sich nur schwer in ein klassisches Stellenprofil übersetzen lassen. Das führt nicht zu fehlendem Willen, sondern zu objektiv eingeschränkten Chancen.
Ein weiterer, oft unterschätzter Faktor sind psychische Belastungen. Depressionen, Angststörungen, Traumafolgen oder chronische Erschöpfung sind weit verbreitet. Diese wirken sich auf Konzentration, Belastbarkeit und soziale Interaktion aus – gerade in Arbeitsumfeldern mit Leistungsdruck. Von aussen erscheinen solche Einschränkungen häufig als Unzuverlässigkeit oder Desinteresse, obwohl sie Ausdruck einer realen gesundheitlichen Situation sind.
Sprache, Struktur und Selbstvertrauen
Gerade bei Personen mit Migrationshintergrund spielen Sprach- und Kommunikationshürden eine zentrale Rolle. Viele können sich im Alltag verständigen, stossen jedoch im beruflichen Kontext an Grenzen – etwa bei Sicherheitsanweisungen, schriftlicher Kommunikation oder Bewerbungsgesprächen. Das erzeugt Unsicherheit und Rückzug, nicht mangelnde Motivation.
Hinzu kommen Defizite in Grund- und Digitalkompetenzen. Wer Mühe mit Formularen, E-Mails oder Online-Bewerbungen hat, gerät schnell in eine Abwärtsspirale. Diese Schwierigkeiten bleiben oft lange unbemerkt, da sie aus Scham oder Angst vor Stigmatisierung verborgen werden.
Langzeitarbeitslosigkeit verstärkt diese Dynamiken zusätzlich. Wiederholte Absagen, lange Phasen ohne Erwerbsarbeit und fehlende Erfolgserlebnisse führen zu einem schleichenden Verlust von Selbstvertrauen. Bewerbungsprozesse werden als demütigend erlebt, nicht als Chance.
Lebensrealitäten ausserhalb der Arbeit
Arbeitsintegration findet nicht im luftleeren Raum statt. Viele Teilnehmende kämpfen mit finanziellen Problemen, Schulden oder Betreibungen. Der damit verbundene Stress bindet Energie und Aufmerksamkeit, die für den Integrationsprozess fehlen.
Auch instabile Wohnsituationen, gesundheitliche Einschränkungen oder Betreuungspflichten prägen den Alltag. Wer keinen ruhigen Rückzugsort hat, regelmässige Arzttermine wahrnehmen muss oder Kinder alleine betreut, verfügt über deutlich weniger Flexibilität als vom ersten Arbeitsmarkt oft vorausgesetzt wird.
Bei älteren Arbeitssuchenden kommen zusätzlich arbeitsmarktliche Vorbehalte hinzu. Viele berichten von impliziten Altersgrenzen, fehlender Offenheit für Quereinstiege und geringen Weiterbildungsinvestitionen seitens der Arbeitgebenden. Das erzeugt Frustration – nicht Gleichgültigkeit.
Warum das Vorurteil so hartnäckig ist
Das Narrativ des „Nicht-Wollens“ ist einfach und entlastend. Es verschiebt Verantwortung weg von strukturellen Fragen hin zu individuellen Zuschreibungen.
Die Realität ist komplexer: Arbeitsintegration bedeutet, Menschen schrittweise wieder arbeitsfähig, arbeitsmarktfähig und arbeitsmarktnah zu machen – und nicht, fehlende Motivation zu sanktionieren.
Fazit
Die Aussage „Die wollen nicht arbeiten“ hält einer fachlichen Betrachtung nicht stand.
Arbeitsintegration in der Schweiz zeigt vielmehr:
- Der Wille zur Arbeit ist meist vorhanden.
- Die Hürden liegen in Gesundheit, Qualifikation, Sprache und Lebenssituation.
- Erfolgreiche Integration braucht Zeit, Beziehung, Struktur und realistische Erwartungen.
Wer Arbeitsintegration ernst nimmt, muss bereit sein, Lebensrealitäten anzuerkennen, statt sie zu vereinfachen. Nur so entstehen nachhaltige Lösungen – für die betroffenen Menschen ebenso wie für Gesellschaft und Arbeitsmarkt.

